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Wohntraum - für Planer und Investoren

Drei Beispiele verdeutlichen, was es heißt, im Nirgendwo Retortenstädte aus dem Boden zu stampfen. Ein Tourismusprojekt in der Schweiz, eine Wohnstadt in China und ein Technologiepark in Russland haben nur eines gemeinsam: Die Hoffnungen der Investoren sind groß.

Skolkowo war bis vor kurzem ein verschlafenes Dorf mit 300 Einwohnern, zwei Kilometer außerhalb Moskaus. Die Grundstückspreise sind hoch, die Ortschaft gehört zum Speckgürtel rund um die russische Metropole - immer mehr Villen wurden während der letzten zwei Jahrzehnte errichtet. Seit 2006 wird an einer Managementakademie gebaut - aber das moderne Gebäude ist nur ein kleiner Vorgeschmack auf das, was zumindest den heutigen Plänen nach das Bild des „Dorfes“ ab 2015 prägen wird: Eine mächtige Skyline, unter der 20.000 Menschen Arbeit finden sollen.

Mit Medwedew an Bord

Denn in Skolkowo wird ein für Russland einzigartiger Technologie- und Industriepark entstehen. Der Plan klingt unrealistisch und muss erst einmal umgesetzt werden. Aber zumindest deuten einige Vorzeichen auf einen Erfolg des Projekts hin. Sein Betreiber, der Oligarch Viktor Vekselberg, ist mit sechs Milliarden Euro Vermögen einer der fünf reichsten Männer Russlands. Präsident Dimitri Medwedew ist Aufsichtsratsvorsitzender der eingesetzten Stiftung. Sein Vorgänger und vermutlicher Nachfolger, Ministerpräsident Wladimir Putin, ist angeblich ebenfalls ein Fürsprecher.

Als Projektpartner fungieren nicht nur die russische Regierung, die Skolkowo als Teil ihrer Strategie zur Modernisierung Russlands ansieht, sondern auch zugkräftige private Partner wie etwa Siemens. Universitätsinstitute haben ihre Kooperation zugesagt, etwa das in Zukunftsfragen hoch angesehene Massachusetts Institute of Technology (MIT). Im Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ sagte Vekselberg unlängst, dass es bereits 1.000 Anfragen für Sitze an dem Standort gebe, 200 Aufträge habe er bereits unterschrieben in der Tasche - und das alles, obwohl mit dem Bau noch nicht einmal begonnen wurde.

Der Meister der Retortenstädte

Verglichen mit Skolkowo ist das Schweizer Bergdorf Andermatt mit seinen 1.200 Einwohnern ein großes Dorf. Im Prinzip soll es das auch bleiben, weil in diesem Fall ein dörfliches Erscheinungsbild über den Erfolg des Projekts mitentscheidet. Denn in 1.400 Metern Seehöhe soll ein „autarker Ferienort“ entstehen. Neben Pisten und Beschneiungsanlagen sollen auf einer Fläche von 1,4 Mio. Quadratmetern (140 Hektar) fast 500 Wohnungen, 25 bis 30 Villen und zusätzlich sechs Hotels mit über 840 Zimmern entstehen.

Dazu kommen noch ein 18-Loch-Golfplatz, ein Sport- und ein Geschäftszentrum. Laut „Basler Zeitung“ („BaZ“) sollen geschätzte mehrere hundert Millionen Euro in das Projekt fließen. Das riesige Areal wurde früher von der Schweizer Armee genutzt. Umweltorganisationen laufen Sturm gegen das Projekt, stehen aber offenbar aufgrund der Finanzmacht der Investoren auf verlorenem Posten.

Geld spielt keine Rolle

Denn Geld spielt für Samih Sawiris, Erbe der ägyptischen Orascom-Unternehmerdynastie und Andermatt-Großinvestor, in der Umsetzung seiner Ideen offenbar nicht die größte Rolle. Orascom hat bereits drei Resorts, mehr oder minder alle in Form von Retortenstädten, aus dem Boden gestampft: El-Gouna am Roten Meer in Ägypten, Taba Heights auf der Sinai-Halbinsel (ebenfalls in Ägypten) und The Cove in Ras al-Chaima in den Vereinigten Arabischen Emiraten.

Eine verlassene, mehrspurige Straße in OrdosReuters/David GrayNette Wohngegend in Ordos - was fehlt, sind die Bewohner

Reißbrettstadt für eine Million Menschen

Investiert wird auch in China - und das vor allem in Bauprojekte. Nicht umsonst ist das Wirtschaftswachstum einmal im zweistelligen Bereich, dann wieder knapp darunter - Angst vor Überhitzung schwingt permanent mit. Trotzdem will kein Lokalpolitiker der Erste sein, der freiwillig bremst. Also wird weiter investiert.

Das wohl größte Projekt in dieser Hinsicht ist die neue Retortenstadt Ordos, die gleich neben dem alten Ordos in der Inneren Mongolei liegt und weitgehend leersteht. Alles wäre da: Wohnraum für eine Million Menschen, Verwaltungsgebäude, Büroflächen, eine einwandfreie Infrastruktur - noch dazu alles architektonisch anspruchsvoll geplant.

Wohnraum - aber nicht zum Wohnen

Aber: Die Immoblase macht die Wohnungen dort so teuer, dass sich niemand leisten kann, in ihnen zu leben. Sie stehen leer, als lukrative, aber ungebrauchte Spekulationsobjekte. Die ganze Stadt wurde nur für Spekulanten gebaut, zumindest sieht es bisher so aus. Abgesehen von den Bauarbeitern vor Ort befinden sich nur Journalisten im neuen Ordos, die allesamt ungläubig auf die leeren Straßen und Wohnungen blicken - man sieht das eindrucksvoll in einem Beitrag von al-Jazeera und einer Fotostrecke des „Time“-Magazins. Unterdessen liegt die Infrastruktur im alten Ordos, wo die Menschen tatsächlich leben, immer mehr im Argen. Dafür ist kein Geld mehr übrig.

Ob in Russland tatsächlich ein florierendes Forschungs- und Industriezentrum entsteht, bleibt abzuwarten. In der Schweiz wird man sich keine Sorgen machen müssen - Luxustourismus boomt. Sorgen machen sich die Umweltschützer. Und in China steht eine Stadt für eine Millionen Menschen leer. In Zeiten einer dräuenden Weltwirtschaftskrise - der zweiten binnen Jahren - darf man sich angesichts solcher Projekte ein altes Sprichwort in Erinnerung rufen: Mein Geld ist nicht weg, es gehört jetzt nur jemand anderem.

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Publiziert am 13.11.2011